So gesehen

Man konnte das Aufatmen in den Nachrichtenredaktionen förmlich hören. Ein Erdbeben in Japan, stärker als alles bisher Dagewesene, inklusive Tsunami und drohendem Fallout. Der unbestrittenen Tragik all dieser Ereignisse zum Trotz kann man sich des Eindrucks nicht so recht  erwehren, einige Medien hätten sie geradezu sehnsüchtig erwartet. Nach  knapp zweiwöchiger 24-Stunden-live-Berichterstattung zur Frage Doktor oder nicht Doktor tat sich ein journalistisches Loch auf. Nicht mal Libyen wollte mehr so richtig ziehen.

Jetzt gibt es wieder was, das die ganze Welt vor die Bildschirme bannt. Und so wichtig und richtig die Berichterstattung zu Japan auch ist, so seltsam sind die Blüten, die sie hin und wieder treibt. Mitunter macht die Geschwindigkeit  der Meldungen über immer neue und neue tatsächliche und vermeintliche Katastrophen einigen Redaktionen offensichtlich zu schaffen, oft genug scheint schlichtweg die Zeit zu fehlen, Inhalte journalistisch sauber aufzubereiten.

Der Nachrichtensender n-tv beispielsweise lebt, das zeigt schon ein kurzer Blick ins laufende Programm, mehr von Gefühlen und Eindrücken, als von handfesten Hintergrundinformationen. Nachdem man zwischendurch brav Teile des Wikipedia-Artikels zum Thema „Kernschmelze“ Wort für Wort vorgelesen hat, wird’s dringend Zeit für neues Bildmaterial: „In diesen Minuten erreichen uns wieder neue Bilder der Katastrophe“, scheint sich in den Teleprompter eingebrannt zu haben. Was dann kommt, hätte man genauso gut mit „Unser Praktikant hat gerade nochmal gegoogelt und ein neues YouTube-Video entdeckt“ ankündigen können. Als Quelle wird dann, wenn überhaupt, „Internet“ angegeben. Man könnte meinen, Karl-Theodor zu Guttenberg hätte sich mit der Angabe „Quelle: Andere Bücher“ möglicherweise viel Ärger erspart.

Doch glücklicherweise beäugt man sich in der Medienlandschaft ja gegenseitig.  SPIEGEL ONLINE  beispielsweise echauffiert sich heute über die (tatsächlich irgendwie) unpassende Berichterstattung des „heute-journals“ vom vergangenen Sonntag, bietet seinen Lesern aber, ganz sportlich, im Gegenzug schon auf der Startseite an, die Ereignisse im „Liveticker“ zu verfolgen. Man erwartet den GAU – und ein bisschen auch das Führungstor durch Arjen Robben.

Und der ohnehin nicht unbedingt für seine Tiefgründigkeit bekannte Nachrichtensender n24 bringt es allen Ernstes fertig, nach einem ausführlichen Hauptnachrichtenbeitrag über mögliche Strahlungs-auswirkungen auf Nachbarländer Japans durch ungünstige Windkonstellationen kommentarlos zum Wetter überzuleiten, das eine Moderatorin im Flugbegleiterinnenkostüm(!) präsentiert, die die Zuschauer wie selbstverständlich darauf hinweist, dass eine Reise an die „strahlendsten Flecken dieser Erde“ selbstredend nur mit Air Berlin gelingen kann. Man bleibt sprachlos und reibt sich verwundert die Augen. Gut, sicher kann man sich seine Werbepartner schlecht spontan nach Ereignislage aussuchen – aber es sollte wohl möglich sein, Werbung je nach Ereignislage auf akute Geschmacklosigkeit abzuklopfen.

Da wiederum hat’s die Konkurrenz von n-tv besser erwischt: Deren Partner fürs Wetter ist passenderweise eine Firma, die ihre  Produkte mit dem Slogan „Grüne Energie für den Blauen Planeten“ bewirbt – aktueller könnte Werbung kaum sein.

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