Jacob beschließt zu lieben

Wer Catalin Dorian Florescu nicht kennt und raten müsste, was er beruflich macht, käme wohl kaum auf die richtige Antwort. Wenn es ihn denn gibt, den prototypischen Schriftsteller, Florescu ist es sicher nicht. In Jeans, eine Baseballkappe auf dem Kopf, leert er ein paar Bücher und Notizzettel aus einer Plastiktüte vor sich auf den Tisch.

Zur Vorstellung seines jetzt im C.H. Beck-Verlag erschienen neuen Romans „Jacob beschließt zu lieben“, seines insgesamt fünften, hatte der Willi-Brandt-Freundeskreis Wiesloch am vergangenen Sonntag geladen. Es ist nicht viel los an diesem Vormittag, nur ein paar wenige Interessierte haben sich im Bürgersaal des Alten Rathauses eingefunden. Der Autor scheint noch nicht so recht angekommen zu sein beim breiten Publikum, was ein bisschen verwundert, denn es lohnt sich durchaus, seinen Werken etwas Aufmerksamkeit zu widmen. In Literatenkreisen kennt man ihn schon lange umso besser, am kommenden Wochenende wird er auf der Leipzger Buchmesse lesen, erst kürzlich überschlug sich die „Neue Züricher Zeitung“ schier vor Begeisterung über sein neuestes Werk.

Florescu wird 1967 im rumänischen Temeschwar geboren und flieht 1982 gemeinsam mit seinen Eltern in den Westen. Er studiert Psychologie in Zürich, wo er noch heute lebt und als Psychotherapeut arbeitet, bevor er sich 2001 schließlich ganz der Literatur widmet. Für seine Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise, war unter anderem Stadtschreiber in Dresden (2008) und Erfurt (2010) und 2003 Träger des Anna-Seghers-Preises für deutschsprachige Literatur. Seit 2010 ist er Stadtschreiber Baden-Badens und Heinrich-Heine-Stipendiat der Stadt Lüneburg.

„Jacob beschließt zu lieben“ beschreibt die Lebensgeschichte Jacob Overtins aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat. Jacobs Geschichte – zeitlich zwischen dem Ende der 20er- und Anfang der 50er-Jahre angesiedelt – weitet sich zu einem Familienepos, in dem temporeich und in dichten, fantastischen Bildern das Schicksal der Obertins über 300 Jahre hinweg erzählt wird, beginnend mit dem 30-jährigen Krieg in Lothringen. Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich Jacobs Vorfahren, wie viele Tausende Anderer aus Lothringen ein besseres Leben suchend, auf den gefährlichen Weg ins Banat gemacht, um ihr Glück zu finden und eigenes Land zu besitzen.

Die Geschichte ist einfühlsam, sie zieht den Leser wahrhaftig in ihren Bann. Florescu weiß das; bevor er zu lesen beginnt, erzählt er eindringlich und ausführlich von der Arbeit an seinen Romanen, von der langen Suche nach dem passenden Stoff, den passenden Figuren, von der Bedeutung des berühmten ersten Satzes.

Florescu spricht dabei wie andere Leute schreiben. Seine Antworten auf Nachfragen kommen spontan, klingen aber stets wohlüberlegt, als habe er sich schon lange zu genau diesen Fragen Gedanken gemacht. Es macht Spaß zuzuhören, wenn er über seine Romanfiguren spricht, man spürt, wie nahe er ihnen steht und wie schwer es ihm fällt, sie irgendwann loslassen zu müssen. Es falle ihm noch schwer, aus „Jacob“ zu lesen, sagt er denn auch, er sei noch dabei, den Trennungsschmerz zu Zaira, der Protagonistin seines vorangegangenen Romans, zu verarbeiten.

Bei dieser Lesung ist es nicht nur die Geschichte, die die Zuhörer bannt, es ist auch Florescu selbst. Die ursprünglich veranschlagten eineinhalb Stunden sind längst weit überzogen, als Florescu endet. Eigentlich wollte der Willi-Brandt-Freundeskreis jetzt noch eine Projektidee vorstellen, ein Kulturforum will man einrichten, eine Plattform bieten für Diskussionen und Veranstaltungen über Kultur und Politik in Wiesloch und Umgebung. Doch die Zeit reicht nicht mehr, und wahrscheinlich hätte es auch nicht mehr gepasst. Dazu war der Autor, den man da eingeladen hatte, schlicht und ergreifend zu präsent.

In unveränderter Fassung erschienen am 17. März 2011 unter dem Titel „Dem Dichter fällt es schwer, seine Romanfiguren loszulassen“ in der Rhein-Neckar-Zeitung (Regionalausgabe Wiesloch/Walldorf, S. 5).

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