Augschöll & Hotline

Der Minnesängersaal des Wieslocher Palatins mal anders: farbig illuminiert, eingerichtet mit Sesseln und Stehtischen, gediegen, Loungecharakter. Ganz bewusst atmosphärisch richtete der Kulturförderverein Kurpfalz e.V. vergangenen Freitag den Saal ein, um die richtige Stimmung zu schaffen für das nächste große Event im Rahmen des 7. städteübergreifenden Musikfestivals „Swingin‘ WiWa“: Den Auftritt der Jazz-Rock-Formation um Charly Augschöll und seiner „Hotline Band“.

In der Jazzszene ist Frontmann Charly Augschöll, Sänger, Saxophonist und Komponist der Band, kein Unbekannter, stand schon mit Größen wie Gloria Gaynor und Schlagzeug-Legende Charly Antolini auf der Bühne. Vor gut 25 Jahren gründete er seine „Hotline Band“, tourt, produziert und emanzipierte sich dabei im Laufe der Zeit mehr und mehr von den Stilvorgaben früherer Jahre.

Und so recht in ein Schema pressen lässt sich die Musik denn auch nicht. Natürlich, die Wurzeln liegen unverkennbar im Jazz und Fusion, aber auch ganz andere Einflüsse spielen hinein, Rhythm & Blues ganz sicher, Funk, ein bisschen Soul, auch schnellere Latin-Elemente. Alles in allem ergibt das eine wirklich gut anzuhörende Mischung aus langsamen Balladen und schnellen, groovigen Stücken, die eigentlich nur gefallen kann.

Augschöll – ein bisschen klischeehaft mit langen, dunklen Haaren, Vollbart und schwerer silberner Halskette im weit aufgeknöpften weißen Hemd – lässt sich in seinem Saxophonspiel immer wieder vom fordernden Background seiner Band zu neuen Höhen antreiben – und der 56jährige, man muss das sagen, ist ohne Übertreibung ein begnadeter Saxophonist. An ihren Instrumenten übrigens stehen ihm seine Bandkollegen da in nichts nach, alle sind Profimusiker, man hört es. Die Abstimmung ist makellos, der Sound hervorragend; überhaupt konzentriert sich die ganze Energie des Quartetts auf das Zusammenspiel der Instrumente, vom 20 Songs umfassenden Set kommt etwas mehr als die Hälfte völlig ohne Gesang aus. Stellenweise bekommt man ein bisschen der Eindruck, die Band habe sich zu einer ausgiebigen Jam-Session getroffen, man hat Spaß am Spielen, jeder erhält auch mal Zeit für ein profilierendes Solo, jeder die Chance zu zeigen, wie gut er sein Instrument beherrscht.

Wie so viele Konzerte der letzten Jahre steht auch dieses wieder beispielhaft für die große Bandbreite an unterschiedlichen Genres und Künstlern, die „Swingin‘ WiWa“ im Angebot führt. Im Programm für die kommenden drei Wochenenden sind noch Soul, Chanson und Rock angekündigt, die große „Nacht der Trommel“ steht noch an, doch alles ist das längst nicht. „Das ist auch unsere Intention“, sagt Edgar Berlinghof, einer der Organisatoren, „verschiedene Generationen und verschiedene Musikrichtungen unter einen Hut zu bekommen.“ Betrachtet man das Publikum dieses Abends, so hat das zweifelsohne funktioniert, unter den Gästen sind völlig unterschiedliche Altersgruppen vertreten. Allerdings – und das ist der einzige Wermutstropfen – ist das schon mit einem einzigen kurzen Blick festzustellen, denn viel mehr als 40 Zuschauer befinden sich gar nicht im Saal. Dem Klangerlebnis tut das keinen Abbruch, erwartungsgemäß ist die Reaktion der Musiker professionell: „Macht nichts, wir singen genauso, als wären hier 500 Leute!“. Und das tun sie. Aber natürlich stört es die Bandmitglieder trotzdem ein wenig, man sieht es ihnen hin und wieder an. Und es ist tatsächlich schade, denn die Musik ist gut ohne Wenn und Aber und hätte definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

In unveränderter Fassung erschienen am 8. April 2011 unter dem Titel „Augschöll passt in keine Schublade“ in der Rhein-Neckar-Zeitung (Regionalausgabe Wiesloch/Walldorf, S. 5).

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