Eine „Liebesgeschichte“

Gestern im Bus: Neben mir sitzt ein Farbiger in einem afrikanisch aussehenden Gewand, schaut mich lange von der Seite an und fragt dann, ob ich deutsch spräche. Die Frage allein fand ich an sich schon irgendwie skurril, aber es geht noch weiter: Nachdem ich bejaht habe, drückt er mir diese zwei kleinen Broschüren in die Hand:

Als ich den Titel „Sind wir alle gleich?“ lese, denke ich zuallererst an eine Broschüre, die für mehr Toleranz wirbt (obwohl die Frage, warum mir bei einem Farbigen, der Broschüren verteilt, ausgerechnet  dieses Schlagwort in den Sinn kommt keine ganz uninteressante ist), bekomme dann aber gleich erklärt, dass es sich um eine „religiöse Geschichte“ handelt. Aha. Na gut, denke ich, blättere die zwei handlichen Heftchen mal kurz durch und bekomme nach und nach so ein bisschen Angst. Es ist eine Informationsbroschüre des „Apostolic Faith Church“, die an die wörtliche Auslegung der Bibel glaubt, und angesichts des Standes der Naturwissenschaften im 21. Jahrhundert wirklich krude Thesen verbreitet. Im Comicstil wird die Schöpfungsgeschichte erzählt und es geht um Sünde, Sünde und nochmals Sünde. Spätestens auf dieser Seite dann fällt mir die Kinnlade runter:

Gut, vom gestörten Verhältnis vieler Glaubensrichtungen zur Homosexualität wussten wir schon, geschenkt. Auch Alkoholismus ist mit aufgeführt, als wohlgemerkt anerkannte Krankheit auch ein bisschen schwierig. Und dann steht da steht allen Ernstes „Unglauben“ mit dabei. Und mit „Unglauben“ ist nicht etwa das Nichtangehören einer Religionsgemeinschaft gemeint, der Atheismus nämlich ist nochmal gesondert aufgeführt, bei „Unglauben“ denken die ganz offensichtlich an das Angehören der falschen Religion.  Solche Thesen sind natürlich prinzipiell nicht neu, aber allein die Tatsache, dass solche Broschüren dieser Art auch im Europa des 21. Jahrhunderts  noch entstehen, über 200 Jahre nach der dem Zeitalter der Aufklärung, gruselt mich irgendwie immer wieder aufs Neue.

Die Vermutung, mit der „Apostolic Faith Church“ nicht einer Meinung zu sein könnte schlimme Folgen haben, verdichtet sich im nächsten Teil, wo aufgeführt wird, wie man in der Hölle landet. Und das geht ruckzuck, wenn man nicht aufpasst!  In einem der Bildchen sind jetzt tatsächlich auch so ein paar „Ungläubige“ dabei:

Na, gefunden? Der Moslem und der Buddhist links unten, direktement auf dem Weg ins Fegefeuer, die armen Schweine. In dieser Darstellung wiederum fehlt jetzt interessanterweise der sündige Schwule, dabei hätte ich den eher erwartet. Dafür haben sie den Ehebruch doppelt, der scheint ihnen wohl besonders erwähnenswert.

Naja, wie die Geschichte am Ende ausgeht, ist klar: Wir sind natürlich nicht alle gleich. Bibeltreue Christen sind irgendwie gleicher als andere, das bleibt völlig unmissverständlich. Was ich an der Sache so seltsam finde, ist, was manche Menschen meinen, mir sagen zu müssen. Das ist doch kein Weckruf,  der mich dem Glauben näher bringt. Eher Beleidigung. Jedenfalls keine „Liebesgeschichte“.

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Eine Antwort zu “Eine „Liebesgeschichte“

  1. I. Aufklärung ist der Herausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
    II. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.
    III. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
    Sapere aude!

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