Zynisches Abendland

Haben sie ihn also doch noch erwischt. Zehn Jahre lang war die halbe Welt  auf der Jagd nach Osama Bin Laden, jetzt haben ihn  US-Spezialkräfte im pakistanischen  Abbottabad erschossen. Was im ersten Moment nach einer guten Nachricht klingt, könnte über kurz oder lang tatsächlich zu nicht unerheblichen Problemen führen. Genau genommen beschäftigt der Tod Bin Ladens die Welt jetzt auf dreierlei Ebenen:

  1. Einer völkerrechtlichen, die sich aber, mal ganz nüchtern betrachtet, in absehbarer Zeit ob fehlender Informationen zum genauen Vorgehen und dem Einsatzziel der US-Streitkräfte nur bedingt wird klären lassen.
  2. Einer politischen, zum einen Pakistan betreffend, das als Rückzugsgebiet der afghanischen Taliban ohnehin schon keinen allzu guten Ruf besaß und jetzt als langjähriges Versteck des vielleicht meistgesuchten Mannes der Welt nicht wirklich besser dasteht. Zum anderen fällt mit dem Tod Bin Ladens möglicherweise eine nicht unerhebliche Grundlage des seit 2001 geführten Afghanistankrieges weg, der  laut UN-Resolution immerhin als Verteidigungskrieg gegen die Drahtzieher des 11. September begonnen worden war.
  3. Und drittens einer moralischen. Es geht dabei vor allem um die Reaktionen auf den Tod Bin Ladens, beziehungsweise die Fragen: Inwieweit ist der Tod eines Menschen eigentlich begrüßenswert? Welche Werte vertreten wir hier eigentlich?

Zur genaueren Betrachtung der ersten beiden Ebenen bleiben zweifelsohne die kommenden Wochen abzuwarten, jegliche Bewertung käme sicher zu früh. Moralisch aber können wir uns durchaus Gedanken machen.

Zunächst schienen die Reaktionen auf Bin Ladens Tod recht einhellig auszufallen: In New York tanzten die Menschen am Ground Zero, ebenso in Washington vor dem Weißen Haus. Und auch in Deutschland zeigten sich die hohen Vertreter aller großen Parteien erfreut, Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Beispiel:

Aber, darf man sich als Kanzlerin einer demokratischen Republik, eines Rechtsstaats, der die Todesstrafe ganz bewusst ablehnt und normalerweise absolut jedem ein faires Verfahren garantiert, wirklich vor die versammelte Nation stellen und sich über den Tod eines Menschen freuen?

Kritische Stimmen zu ihrer Wortwahl folgten auf dem Fuße, inzwischen hat sich sogar Siegfried Kauder, Fraktionskollege Merkels und Vorsitzender des Bundestagsrechtsausschusses, zur Pressekonferenz geäußert. In einem Interview sagte er gestern wörtlich: „Ich hätte es so nicht  formuliert. Das sind Rachegedanken, die man nicht hegen sollte. Das ist Mittelalter.“

Sich von einem ranghohen Parteikollegen solche Sätze als Reaktion auf ein nur knapp zweiminütiges Statement zu einem doch irgendwie weltbewegenden Ereignis einzufangen, ist für Merkel gelinde gesagt peinlich.

Das Grundgesetz, auf dem dieser unser Rechtsstaat aufbaut, garantiert jedem Menschen, und zwar wirklich jedem, Gleichbehandlung, ein faires Gerichtsverfahren und vor allem das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Menschlich mag das manchmal schwer nachvollziehbar sein, aber diese Rechte gelten auch für Terroristen. Das sah übrigens vor nicht allzu langer Zeit (wie schon viele Male zuvor) auch das Bundesverfassungsgericht so. 2006 hatte der 1. Senat unter seinem damaligen Präsidenten Hans-Jürgen Papier über die durchaus heikle Frage zu befinden, ob man Passagierflugzeuge abschießen dürfe, die von Terroristen als Waffe gegen die Bevölkerung eingesetzt werden könnten. Hintergrund der entsprechenden Änderung des Luftabwehrgesetzes, die zur Disposition stand, waren – passenderweise – natürlich die Ereignisse des 11. Septembers.

In einem vielbeachteten Urteil verneinten die Richter diese Frage damals sinngemäß mit der Begründung, das Recht auf Leben wiege einfach zu schwer, als dass man Menschenleben gegen Menschenleben aufwiegen könne. Natürlich ging es damals in erster Linie um das Leben der Zivilisten an Bord, nicht um  das der Terroristen. Aber der Tenor der Entscheidung, und das ist der eigentliche Punkt, ist doch die Unantastbarkeit des Rechts auf Leben.

Und das sollte auch und gerade Angela Merkel mehr als heilig sein. Als  Christin und eifriger Verfechterin christlicher Werte hätte sie sich vor ihrer Rede vielleicht mal mit ihrem „Chef“ absprechen sollen. Papst Benedikt nämlich ließ verlauten, der Tod eines Menschen könne für einen Christen niemals Grund zur Freude sein.

Abschließend noch eine kleine Empfehlung: Einen wirklich lesenswerten Kommentar zum Thema mit dem passenden Titel „Er ist tot. Hurra?“ hat Stefan Kuzmany für SPIEGELonline verfasst.

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2 Antworten zu “Zynisches Abendland

  1. Ich bin auch mal sehr gespannt, was in den nächsten Wochen so kommt.
    Als ich die Freudentänze in NY gesehen habe, musste ich schon kurz schlucken. Mir ist klar, dass die Amerikaner größtenteils anders mit sowas umgehen als wir das tun, ich finde solche „Feierlichkeiten“ aber einfach mehr als unangebracht, wenn man mal bedenkt, dass man in den Ländern, in denen man interveniert, eigentlich Demokratie etablieren möchte.
    Mich erinnern diese „Siegesfeiern“ einfach zu sehr an islamistisch-fundamentalistische Demonstrationen mit brennenden US-Flaggen. Letzten Endes macht man sich mit solchen Reaktionen doch keinen Deut besser.

  2. Rein ohne Werte, das Erste was mit durch den Kopf schoss (schlechte Wortwahl im Kontext, ich weiß), als ich die Meldung zum Tode Bin Ladens las, war; „Warum denn getötet? Ist er lebend nicht mehr wert?“ Man hat ja gelesen, dass er Widerstand geleistet hat, wie auch immer der Aussah, mit Sandalen geworfen oder mit dem Schmuddellappen auf dem Kopf gepeitscht, er soll ja zumnidest unbewaffnet gewesen sein. Naja, jetzt auch nicht mehr zu ändern. Wer weiß ob die Info’s die gerade rausgegeben werden denn auch alle so korrekt sind.
    Gespannt bleibt abzuwarten, was als Reaktion darauf folgen wird.
    Der Fundamentalist bleibt nicht stehen, wenn er was ausgefressen hat.

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