A(bgekürzt)

„Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz.“

So sehen es die Richtlinien zu Ziffer 8 des Pressekodex des Deutschen Presserats vor. In einem Bericht seiner aktuellen Ausgabe behandelt der SPIEGEL einen Fall, bei dem der Autor genau diese Richtlinie, ja, man muss sagen, geradzu vorbildlich befolgt hat. Eigentlich.

Was passiert ist, spielt eigentlich gar keine allzu große Rolle, vielleicht nur ganz kurz: Eine Gruppe junger Männer überfällt einen vermögenden Rentner in dessen Villa, bedroht ihn mit einer Soft-Air-Pistole, löst auf der Suche nach dem Tresor versehentlich die Alarmanalge aus und flieht ohne nennenswerte Beute. Der Rentner, legal im Besitz einer Waffe, erschießt einen der Tätereinen 16-jährigen Kosovaren – auf der Flucht.

Nun fordert die Familie des 16-Jährigen eine Anklage, der Rentner habe den jungen Mann „hingerichtet“. Passiert aber ist bisher nichts, die Staatsanwaltschaft prüft eine Anklageerhebung derzeit noch.

Wir haben also ein möglicherweise noch anlaufendes Verfahren, einen jugendlichen Täter (oder ein jugendliches Opfer, wie auch immer man es sehen möchte) und entsprechend wäre es geboten, auf die Nennung des vollständigen Namens zu verzichten. Das tut der SPIEGEL auch durchaus konsequent, mehrfach ist nur von „Labinot S.“ die Rede. So weit, so gut.

Unglücklicherweise wollte die Bildredaktion wohl nicht so recht mitspielen. Nun kann man natürlich die grundlegende Frage stellen, wie sinnvoll es überhaupt ist, das Foto einer anklagend dreinblickenden Großfamilie abzudrucken, deren Ansichten von Gerechtigkeit auch im Artikel schon nicht wirklich gut wegkommen. Völlig unverständlich aber bleibt, weshalb man sich dazu entschlossen hat, sie ausgerechnet vor einer „improvisierten Gedenkstätte“  (so die Bildunterschrift) abzulichten. Gedenkstätten, und insbesondere dort platzierte Gedenktafeln, nämlich haben in der Regel die lästige Angwohnheit, Namen vollständig zu nennen…

Familie von Labinot S. an "improvisierter Gedenkstätte" (in: DER SPIEGEL Nr. 21/23.05.2011; Unkenntlichmachung von mir)


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