Dr. med. J. Christus

Gerade eher zufällig im Netz drüber gestolpert:

„Lieber Arztkollege und Besucher,

auch wenn es Manche nicht hören möchten oder Andere gerade deshalb auf dieser Website suchen:

Es gibt religiöse, psychotherapeutische und medizinisch-homöopathische Möglichkeiten der Behandlung bei Homosexualität und homosexuellen Neigungen.“

Behauptet der „Bund Katholischer Ärzte“ unter der Überschrift „Ja, es gibt Hilfen…“ auf seiner Website. Aha. Zur Sicherheit nochmal ein kurzer Blick in den Kalender – ja, 2011.

Natürlich, mal wieder eine Lebensschützerseite (als solche geben sich die Autoren auch zu erkennen), aber das ist schon noch mal eine andere Dimension. Im Folgenden werden jetzt tatsächlich Therapiemöglichkeiten für „homosexuell empfindende“ Menschen vorgeschlagen. Zwar ist man darauf bedacht zu betonen, Homosexualität sei „keine Erkrankung“, behandeln will man sie aber offensichtlich trotzdem. Prophylaktisch oder so, ich weiß es nicht. Und überhaupt, steckt allein in dem Wort „Therapie“ die „Krankheit“ nicht sowieso implizit schon mit drin? Schauen wir mal, was der Pschyrembel* sagt, der sollte es doch wissen:

Therapie (gr. therapeia: Pflege, Heilung): Behandlung von Krankheiten, Heilverfahren.

Ja, mir war doch so. Na gut, keine Erkrankung, aber auf alle Fälle therapieren. Und wir dürfen uns sogar selbst raussuchen, wie wir’s gerne haben möchten, das ist doch was, nämlich religiös, psychotherapeutisch oder medizinisch-homöopatisch. Nun ist das mit der Homöopathie generell so eine Sache, wer’s mag, bitteschön, ich für meinen Teil kann da nichts mit anfangen; den Ablauf einer psychotherapeutischen Behandlung kann ich mir auch noch vorstellen – aber wie genau kommt man denn als studierter Arzt auf die Idee, seinen Patienten allen Ernstes eine „religiöse Möglichkeit der Behandlung“ anzubieten. Erinnert ein bisschen an afrikanische Medizinmänner, die machen das auch, habe ich mir sagen lassen. Okay, natürlich muss man alle Möglichkeiten ausschöpfen, denn der Grund für das Thearpieangebot ist scheinbar gar kein religiöser, sondern ein ganz gesellschaftlicher:

„Wir wissen von erhöhter Rate von Selbstmord, Scheidung, Eifersucht.“

Woher die das wissen? Keine Ahnung. Also, Statistiker sind ja durchaus dafür bekannt, hier und da auch noch die verrücktesten Informationen zusammenzuklauben, aber nach Selbstmorden ernsthaft die sexuelle Neigung der Verstorbenen erfassen zu wollen, halte ich für schlichtweg unmöglich.  Außerdem würde eine erhöhte Selbstmordrate unter Menschen einer bestimmten sexuellen Neigung doch nur dann Sinn ergeben, wenn man sie auf irgendeine Weise brandmarken, sie ausgrenzen oder möglicherweise immer und immer wieder öffentlich als widernatürlich angprangern würde.  Aber wer macht denn sowas schon?

Und auch das mit dem doch objektiv wohl nur unzureichend messbaren Begriff „Eifersucht“ kann ich irgendwie nicht so recht glauben. Aber die Sache mit den Scheidungen, ja, das ist doch mal was Handfestes, das sollte sich doch eigentlich nachprüfen lassen. Könnte ja schließlich sein.

Ja, .

Wobei man dazu der Fairness halber sagen muss, dass die Statistik, die dem  hier verlinkten Artikel zugrunde liegt, tatsächlich ein bisschen schwierig ist, weil sie  den jährlichen Scheidungen (die es streng genommen bei homosexuellen Paaren gar nicht gibt, da man sie bekanntlich nicht heiraten, sondern nur „eingetragene Lebenspartnerschaften“ gründen lässt) ganz simpel die Zahl der jährlichen Eheschließungen gegenüberstellt, was zumindest rein qualitativ aber nicht allzu viel Interpretationsspielraum gibt (etwa zur Beantwortung der Frage, wie lange besagte Ehen denn nun eigentlich gehalten haben). Spielt aber so oder so auch keine größere Rolle, das Wissen um vermeintlich erhöhte Scheidungsraten unter homosexuellen Paaren haben sie sich beim BKÄ wohl selbst angeeignet, jemand Informiertes hat ihnen das jedenfalls nicht erzählen können.

Aber apropos informiert: Informationsbroschüren stellen sie einem auf Anfrage selbstverständlich auch zur Verfügung. Und mir brennt’s gerade unter den Nägeln, mal ein paar zu bestellen…

*Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch. 256. Auflage. Berlin, New York: de Gruyter 1990.

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