Facebook+

Als Reaktion auf den neuen Rivalen Google+ stellte Facebook vorvergangene Woche eine neue Videofunktion für sein Chatsystem vor, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem VoIP-Spezialisten Skype. Jetzt sorgt der neue Facebookchat prompt für Unmut – und das völlig zu recht. Schuld sind aber nicht  etwa schlechte Bildverbindungen, sondern einige auf den ersten Blick harmlose kleine Neuerungen, die ohne große Ankündigung gleich mit eingeführt wurden.

War die frühere Version noch individuell und einigermaßen übersichtlich nach Freundeslisten sortierbar, ist die neue Anordnung der Kontakte im  jetzt auf die gesamte Bildschirmhöhe angepassten Chatfenster für den Nutzer nur noch bedingt zu beeinflussen. Zwar ist es prinzipiell  nach wie vor möglich, sich für bestimmte vorher angelegt Freundeslisten unsichtbar zu machen, angezeigt werden aber immer diejenigen Kontakte, mit denen der Nutzer (angeblich) in letzter Zeit am häufigsten interagiert hat, unabhängig davon, welcher Liste sie zugeordnet sind. Diese Auswahl soll, so Facebook, keine statische sein, sondern dynamisch aktualisiert werden. Funktionieren tut das allerdings nur mittelprächtig, ums mal vorsichtig auszudrücken. Tatsächlich befinden sich in meiner Liste einige engere Kontakte, aber eben genauso Menschen, mit denen ich in letzter Zeit mit Sicherheit garnichts zu tun hatte und auch sicherlich in naher Zukunft nichts zu tun haben werde. Zumal ich es als durchaus anmaßend empfinde, dass es sich Facebook herausnimmt, meine sozialen Beziehungen einfach ohne mich zu organisieren. Obendrein ist die Liste jetzt auch nicht mehr nach on-/offline-Status sortiert, ich muss mir meine möglichen Chatpartner jetzt also erstmal zusammensuchen.

Einen kleinen Trost für alle Verärgerten gibt es dennoch: Tatsächlich kann man sich die alte Chatversion „zurückholen“, wenn auch nur als Popup.

Und jetzt kommt also Google und eröffnet das nächste soziale Netzwerk.  Das wurde auch dringend Zeit, Facebook, die VZ-Netzwerke, lokalisten.de, wer-kennt-wen.de und wie sie nicht alle heißen mögen, werden ja schließlich ein bisschen langweilig mit der Zeit. Und wer weiß, vielleicht trifft man ja bei Google+ endlich den einen Kindergartenfreund, der einem in den anderen Netzen noch fehlt.

Wenn ich mir so anschaue, mit wie vielen meiner Facebook-Freunde ich während des letzten Jahres persönlichen Kontakt  hatte (und sei es nur per Chat oder Nachricht über Facebook selbst), fällt die Ausbeute ganz schön mau aus. Es gibt sogar welche, mit denen ich bei genauerer Betrachtung überhaupt noch nie auch nur ein Wort gewechselt habe. So schnell gehen die Prinzipien flöten, als ich Facebook beigetreten bin, hatte ich mir noch fest vorgenommen, nur Freundschaftsanfragen von Menschen anzunehmen, die ich tatsächlich auch im wahren Leben kenne und regelmäßig treffe. Ja, Pustekuchen. Selbstverständlich ist das nicht per se ein Problem, natürlich kann es durchaus interessant sein zu sehen, was die alten Schulkameraden inzwischen so treiben. Weil die wenigstens ihre Profile ausreichend schützen, kann man beispielseise Lebensweg und Beziehungsstatus auch als entfernter Bekannter ja meist recht schnell nachvollziehen.

Tatsächlich dürfte für die meisten Facebooknutzer Google+ die bessere Alternative sein. Und zwar schon aus reinem Selbstschutz. Einfach, weil sie die Facebook-Privatsphäreneinstellungen augenscheinlich schlicht und ergreifend überfordern.

Kleines Beispiel: Erst kürzlich tat eine Freundin (naja, „Freundin“) während der Mittagspause in ihrem Newsstream ihre Lust auf einen Plausch bei Kaffee  kund und war auf der Suche nach Begleitung aus ihrem Bekanntenkreis (was sie aber nicht daran hinderte, den Post auch mir zugänglich zu machen). So weit, so unspektakulär. Aber: Eine ihrer Freundinnen (mit der ich selbst nicht verknüpft bin) kommentierte ernsthaft, sie könne leider erst später dazustoßen, weil sie noch ein Antimyotikum bei ihrer Frauenärztin abholen müsse. Da war ich dann doch ein bisschen sprachlos. Too much information. Ist aber leider kein Einzelfall.

Google+ organisiert Kontakte jetzt in sogenannten „Circles“, die streng genommen nichts anderes sind als die Freundeslisten, die Facebook seinen Nutzern bietet, nur offensichtlicher und leichter verständlich gestaltet. Google+ fragt nun vor Veröffentlichung einer Statusmeldung, für welche der eingerichteten Circles sie bestimmt ist – und nur die bekommen sie dann auch zu sehen. Das funktioniert genau so auch bei Facebook, allerdings nur auf Eigeninitiative. Im Grunde genommen ist Google+ also nichts wirklich Neues, dafür aber ein bisschen eleganter als sein Rivale.

Letztendlich aber, das sollte klar sein, macht Google mit den Informationen aus den Links, die ich einem bestimmten Circle zur Verfügung stelle, dasselbe, was Facebook über seinen Like-Button organisiert: auf den Nutzer zugeschnittene Werbeanzeigen platzieren.

Fassen wir also mal zusammen, dass wir a) in sozialen Netzwerken mit deutlich mehr Menschen befreundet sind als im realen Leben, b) einige Netzwerke offensichtlich zu glauben scheinen, besser als wir selbst einschätzen zu können, wer unsere wahren Freunde sind, und wir c) annehmen, dass wir irgendwie sowieso jeden Menschen auf der Welt kennen*, dann können wir diesen Gedanken doch mal weiterspinnen und so eine Art „umgekehrtes soziales Netzwerk“ gründen: Jeder, der neu einsteigt, ist einfach erstmal solange mit ALLEN befreundet, bis er die Freundschaften aufkündigt. Gibt’s keine Probleme mehr. Ist aber nur so ’ne Idee…**

* Mit Dank an geosHD für den Linktipp!

** Übrigens, sollte jemandem spontan ein guter Namensvorschlag für ein solches Netzwerk einfallen, dann immer her damit!

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