For Dummies

Aus der Rubrik ‚Ratgeber‘. Heute: Unterhaltungsfernsehen for Dummies.

Man nehme

  • einen Mönch (am besten in Kutte, wirkt überzeugender),
  • eine verklemmte 25jährige, die gerne über ihr nichtvorhandenes Sexualleben schwadroniert,
  • ein irgendwie einigermaßen berühmtes Missbrauchsopfer,
  • einen schwulen Atheisten auf Sinnsuche und, ganz wichtig,
  • einen fundamentalistischen Atheisten (Achtung: muss gerne und schnell laut werden!)

und setze sie zusammen an einen Tisch. Reicht meistens schon. Die ganz Wagemutigen können dann noch ein provokantes Thema zur Diskussion stellen, gestern Abend beispielhaft vorgeführt bei „Hart aber fair“. Thema der Sendung: „Oh Gott, der Papst kommt – was denkt Deutschland über Benedikts Kirche?“. Musste schiefgehen. War vermutlich auch so geplant.

Aber was denkt denn Deutschland nun? Ziemlich wirres Zeug, hatte man den Eindruck. Da war zum einen der durchaus sympathische Bruder Paulus, der seinen Glauben eher über die spirituelle Schiene zu vertreten suchte. Dass man ihn ganz links, also auf der „christlichen Seite“ der Gesprächsrunde, platziert hatte, war ein bisschen irritierend, denn eigentlich kann der Mann keiner Fliege was zuleide tun – und tat es auch tatsächlich nicht. Ganz im Gegensatz zu seinem Gegenüber, dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon (der SPIEGEL nannte ihn mal den „Chef-Atheisten“ Deutschlands), der so herrlich pöbelte, dass es fast schon eine Freude war und irgendwann so laut wurde, dass der arme, sich sichtlich unwohl und fehl am Platz fühlende Jürgen Domian sich schließlich entschloss, überhaupt nichts mehr zu sagen. Zwischendurch gab’s hier und da dann immer mal wieder auszugsweise Anekdoten aus der Missbrauchsgeschichte des BAP-Sängers Wolfgang Niedecken, die eigentlich wirklich zum Nachdenken und diskutieren hätten anregen können, aber grundsätzlich nur unterbrochen statt aufgegriffen wurden. Ach ja, und irgendeine seltsam vor sich hin stacksende Trulla war auch noch dabei. Kein Sex vor der Ehe usw., man kennt das.

Und am Schluss stand das, was Unterhaltungsfernsehen ausmacht: ein Reizthema, zu dem wirklich jeder eine mehr oder weniger fundierte Meinung hat, knallrote Gesichter in der Diskussionsrunde, null Ergebnis, aber ein riesen Spaß für den Zuschauer.

Hm, und was ist jetzt mit dem Papst? Der kommt diese Woche erstmal nach Deutschland. Erster Staatsbesuch in der alten Heimat. Das allein wäre noch nicht weiter dramatisch gewesen, aber jetzt redet der Mann auch noch im Bundestag. Meine Güte, Skandal! Linke und Grüne hyperventilieren, der SPD ist’s wurscht, die CDU/CSU ist selig – also alles wie immer eigentlich. Ach so, und die FD… Moment, kurz mal googeln, ah ja… P hält sich wohl raus.

Teile der Linken haben sich jetzt sogar dazu entschlossen, die Papst-Rede zu boykottieren. Beliebtestes Argument zur Begründung dieser Entscheidung ist die Aussage, man lasse ja auch keine Diktatoren vor dem Bundestag sprechen. Ein Vergleich, der im ersten Moment irgendwie plausibel klingen mag, sich bei genauerer Betrachtung dann aber erwartungsgemäß doch als ziemlich dämlich herausstellt, denn einen kleinen, aber nicht ganz unerheblichen Unterschied zwischen der katholischen Kirche und einem diktatorischen Staat gibt es dann doch. Im Gegensatz zum Leben in einer Diktatur kann ich mir meinen Glauben nämlich in aller Regel selbst aussuchen. Steht jedem frei.

Also lasst ihn doch kommen. Und lasst ihn sprechen. Warum denn auch nicht?

Die Papstrede widerspräche der Trennung von Staat und Kirche, auch schon des Öfteren gehört in den letzten Tagen. Dieses Argument hat fast schon was Erheiterndes, denn mit der selben Begründung müsste man umgekehrt allen Politikern auch den Kirchgang verbieten. Lustige Idee eigentlich, mal gucken, was die wohl dazu sagen.

Aber nochmal zurück zur Sendung: Zwischen all den persönlichen Scharmüzeln kam eine ganz entscheidende Frage in Plasbergs Runde leider überhaupt nicht zur Sprache. Wenn sich doch so viele Deutsche Kirchenreformen wünschen, ob’s nun um Kondome, Abtreibungen, weibliche Priester oder sonstwas geht, warum weigert sich der Papst denn dann so strikt einzulenken? Warum lässt er die Schelte aus allen Ecken auf sich sitzen?

Die Antwort ist so einfach wie unbefriedigend: weil er’s kann. Der Papst kann es sich erlauben, die deutschen Katholiken zu ignorieren, ohne seiner Kirche zu schaden, denn sie machen gerade mal rund 2% der weltweiten Gesamtzahl seiner Kirchenmitglieder aus. Genau genommen ist sogar das Gegenteil der Fall, der Papst muss die Reformbewegungen in Deutschland sogar ignorieren, will er seiner Kirche nicht schaden. Hierzulande mögen Diskussionsrunden wie die angesprochene stattfinden – in nicht wenigen anderen Ländern wäre das undenkbar. Das mag man erschreckend finden. Aber so ist das.

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Eine Antwort zu “For Dummies

  1. Brilliant geschrieben. Danke für diese gedanklich ausgereifte Erheiterung, wo ich doch den Papstbesuch leider leider nicht auf heimatlichem Boden mitverfolgen konnte… 🙂

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