Dem Volk aufs Maul…

…geschaut haben soll Martin Luther, als er seinerzeit seine berühmte Bibelübersetzung anfertigte. Ein schöner Satz, zeitlos irgendwie und noch heute absolut tauglich, aus einfachen Artikelüberschriften echte Eyecatcher zu machen. Außerdem natürlich prinzipiell ein guter Ratschlag, denn lohnen tut sich das allemal und spaßig ist es obendrein. Um nicht zu sagen komisch.

Vor ein paar Tagen erst war es (mal wieder) die Redaktion des Nachrichtensenders n-tv, die feststellen musste, dass ein einziges kleines Wörtchen dann doch irgendwie Zweifel an der Neutralität des Senders aufkommen lassen kann: Bundespräsident Christian Wulff, ließen sie ihren armen Nachrichtensprecher nämlich sagen, sei in Umfragen inzwischen SOGAR unbeliebter als Guido Westerwelle. Das saß. Wenn wahrscheinlich auch unfreiwillig. So ist das eben mit Worten, einmal an die falsche Stelle gesetzt, und schwupps, hat man gesagt, was man eigentlich gar nicht sagen wollte. Geht ganz schnell, zieht sich durch alle Bereiche. An der Passauer St.-Nikola-Schule beispielsweise müssen Schüler inzwischen sogar schon bei der morgendlichen Begrüßung aufpassen, sich nicht versehentlich eine Strafarbeit einzuhandeln.

Also, Deutsch ins Grundgesetz! Kann doch so schwer nicht sein.

Nein, Blödsinn, das ist natürlich Quatsch, obwohl es von allen möglichen Seiten immer wieder gefordert wird. Warum denn eine Sprache im Grundgesetz verankern, die kein Mensch wirklich definieren kann? Besser sprechen oder schreiben werden wir sie deshalb doch noch lange nicht. Im Gegenteil, entwickeln wird sie sich auch weiterhin, wir hätten also ein nichtdefiniertes, sich ständig änderndes Konstrukt mit Verfassungsrang. Toll, oder? Zumindest ich für meinen Teil muss ja auch gestehen, überhaupt noch nie so recht verstanden zu haben, was genau „Deutsch“ denn nun eigentlich sein soll. Wer spricht denn jetzt deutsch? Pfälzer? Ostfriesen? Bayerische Schüler? n-tv? Sind wir mal ehrlich, die meisten Kölner können doch schon in der Eifel nicht mehr nach dem Weg fragen…

Gut, dass es da jemanden gibt, der einen sprachlich bei der Hand nimmt.

Gemeinsam mit der BILD-Zeitung hat das Bibliographische Institut Mannheim Anfang der Woche den großen „Volks-Duden“ auf den Markt gebracht. „Der neue Volks-Duden: Nie wieder Rechtschreibfehler“ heißt es da bei BILD. Das wurde Zeit, das war mehr als überfällig. Ich hab zwar noch nicht herausgefunden, warum man mit dem herkömmlichen Duden eher hätte falsch schreiben sollen, jedenfalls, das stimmt, war er mit seinen gut 135.000 Stichwörtern wirklich viel zu umfangreich. Der neue ist da mit seiner abgespeckten Version viel übersichtlicher, endlich haben wir die 100.000 Wörter auf einen Blick, die wir täglich so brauchen. Und auch auf die verwirrenden Rechtschreibregeln hat man verzichtet. Gut so, da hällt siech jah onehin kainer drann. Stattdessen gibt’s jetzt ein Kapitel zur richtigen Wörterbuchbenutzung; die scheint BILD ihren Lesern dann sicherheitshalber doch lieber nochmal erklären zu wollen.

[Mal eine ganz andere Frage zwischendurch: Darf man „Volks-“ eigentlich schon wieder sagen? Ich trau‘ mich ja ehrlich gesagt nicht recht zu fragen, wen BILD damit eigentlich anzusprechen versucht; das kann fast nur politisch inkorrekt enden.]

Interessantereise sucht man den Begriff „Volks-Duden“ im Volks-Duden übrigens vergeblich. Das allerdings ist dann doch ein bisschen inkonsequent, wenn man mich fragt. Einerseits. Andererseits erklärt sich das wiederum von selbst, wenn man weiß, wie so eine Duden-Ausgabe zustande kommt: Entgegen der weitverbreiteten Volksmeinung (oh, jetzt hab ich’s auch gesagt) legt die Duden-Redaktion nämlich nicht fest, welche Wörter ab sofort „offizielle Wörter“ sind – wenn man das mal so ausdrücken möchte -, sondern nimmt umgekehrt diejenigen Wörter auf, die sich in der Alltagssprache des Volkes (hach, schon wieder) etabliert haben. So gesehen hatte das (Un)Wort „Volks-Duden“ natürlich noch nicht die Chance, sich dudenreif sprechen zu lassen. Könnte natürlich noch kommen. Wird’s aber ziemlich sicher nicht. So weit kommt’s noch.

Aber apropos Unwort: Die „Döner-Morde“ sind (und zwar völlig zu Recht) das Unwort des Jahres 2011. Hab ich im Volks-Duden aber auch nicht gefunden. Seltsam, denn auch wenn sich nicht mehr ganz genau recherchieren lässt, wer diesen Ausdruck ursprünglich geprägt hat, hab ich da so meinen vierbuchstabigen Verdacht…* Schade eigentlich, hätte ein schöner Treppenwitz werden können. Wenn auch ein unpassender. Ähnlich unpassend, wie die Sprachnörgelei an der Passauer Schule. Seltsame Auffassung von „Sprachpflege“.

Aber wenn wir schon bei nörgelnden heimatverbundenen Bayern sind und bei Dingen, die man sagen oder nicht sagen darf, einen Unpassenden zum Abschluss hätte ich auch noch: Wir befinden uns in einer Dorfkneipe im tiefstschwarzen Bayern. Die Tür öffnet sich, herein kommen eine Ostdeutsche, ein Schwuler, ein Rollstuhlfahrer und ein Asiate. Stille im Raum. „Na, ihr seid ja ein lustiger Haufen“, sagt der Wirt, da antwortet die Ostdeutsche…

…obwohl, nein, ich lass es lieber, bei Randgruppen ist es wie bei der Sprache, beide werden auch so schon genug malträtiert (typisch deutsch). Da wollen wir das Volk nicht auch noch aufhetzen und lassen die Pointe (jaja…) mal lieber stecken, oder?

*Aber wer die BILD-Zeitung verstehen möchte (sofern das tatsächlich irgendwie möglich ist), sollte sich vielleicht sowieso besser eines anderen Nachschlagewerks bedienen.
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