Blechgetrommel

Eieiei, da macht er was mit auf seine alten Tage, der olle Günter Grass. Eben noch angesehener Literaturnobelpreisträger und von gestern auf heute steht mir nichts, dir nichts der gute (Nach-)Ruf auf dem Spiel. Was war denn da los?

Vergangene Woche veröffentlichte Grass einen, ja, als Gedicht getarnten FAZ-Gastkommentar – lustigerweise in der Süddeutschen. (Übrigens, bei aller Verwunderung, auch solche sogenannten Prosagedichte zählen tatsächlich als Gedicht, auch wenn man, wenigstens in diesem Fall, über den rein literarischen Wert durchaus streiten darf.) Titel: „Was gesagt werden muss„. Darin schreibt er ganz viele Sachen*, die eigentlich schon jeder wusste. Ja, und im Grunde war’s das auch schon.

Hauptstreitpunkt ist die Vermutung, Isreal plane im Konflikt mit Iran womöglich einen militärischen Erstschlag. Israels Ministerpräsident Netanjahu schäumte schier vor Wut. Warum, ist nicht so ganz klar, vielleicht hatte er gehofft, die Welt hätte die entsprechenden, genau in diese Richtung deutenden Meldungen der letzten Wochen schlicht überlesen oder so. „Ihn überrasche nicht, dass ein Schriftsteller, der sechzig Jahre lang seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS verschwiegen habe, den einzigen jüdischen Staat für die größte Bedrohung des Weltfriedens halte und ihm das Recht abspreche, sich selbst zu verteidigen.“, zitiert ihn die FAZ. Uff. Was kommt jetzt? Kollektive Gedichtverbrennung?

Erstmal wohl nicht. Zunächst wollen sie ihm seinen Nobelpreis aberkennen. Dabei hat er doch so lange drauf warten müssen. 40 Jahre (!) musste „Die Blechtrommel“ in der großen Weltliteratur sozusagen ein No-Name-Autoren-Schattendasein fristen, bis sie 1999 dann endlich das Nobelpreisträgerautorengütesiegel bekam**. Ach so, bitte in diesem Zusammenhang nicht falsch verstehen, Israels Innenminister möchte Grass den Nobelpreis aberkannt sehen – also nicht etwa jemand, der das ernsthaft zu entscheiden hätte. Im Gegenteil, die schwedische Akademie hat eine Aberkennung inzwischen ausgeschlossen. Ehrlich, das wär‘ auch noch schöner.

Jetzt lässt Israel aber nicht locker, nicht mal mehr ins Land einreisen lassen wollen sie ihn. Das ist hart, da haben sie ihm aber mal einen gehörigen Strich durch die Sommerurlaubsplanung gemacht, alle Achtung. Gut, andererseits kann man das natürlich verstehen, beleidigte Reaktionen sind völlig normal, wir kennen das alle, passiert täglich in jeder Grundschule.

Eine Sache gibt’s dann aber doch, die mich irgendwie umtreibt. Für seine fast 85 Jahre scheint er ja nun noch recht fit zu sein, der Herr Grass. Und dass er nicht doof ist, hat er auch ausreichend bewiesen. Wenn wir ihm also weder Alterssenilität noch geistiges Unvermögen unterstellen können, dann stellt sich doch die Frage: Welche Reaktionen hat er denn erwartet? „Boah schöön, endlich ein neues Gedicht von unserem Lieblingsautor!“, oder wie oder was? Immerhin zeigt ja schon der Titel, dass er ganz bewusst eine Debatte anstoßen wollte. Jetzt sind die Reaktionen heftiger ausgefallen, als er es erwartet hatte. Ja, blöd. Nun rudert er zurück, er würde das so nicht mehr formulieren, sagt er. Ob das jetzt wiederum so klug ist, weiß ich nicht, denn gemäßigter formuliert, hätte er sich die Geschichte ja eigentlich auch gleich ganz schenken können. Vermutlich war er einfach selbst überrascht, wie viel Aufmerksamkeit man ihm noch schenkt.

Wie dem auch sei, alle Seiten durften jetzt mal lustig Stellung beziehen und so richtig schön die Sau rauslassen. Abschließend aber lautet die große Frage: Was wird am Ende bei ‚rumkommen? Hm, vermutlich nichts. Außer viel unnötigem Blechgetrommel – und einem zusätzlichen Absatz in Grass‘ Nachruf vielleicht.

*Übrigens – ganz wichtig – in 69 Versen!! (Eigentlich völlig unerheblich; interessanterweise wird die Zahl aber, warum auch immer, in nahzu jedem Artikel zum Thema genannt, da MUSS ich sie natürlich auch bringen, gar keine Frage.)

**Was nach einer langen Zeitspanne klingt, ist gar nicht so selten. Offenbar scheint für Nobelpreisträger neben guten Ideen auch eine hohe Lebenserwartung von Vorteil.

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