Bürostuhldrehen

Freitagmorgen, halb zehn in Deutschland: Die Meisterschaften im Bürostuhldrehen stehen an. Klaus gilt als haushoher Favorit – aber wird er seinen Titel gegen die Jungs aus der Personalabteilung verteidigen können…?

Vielleicht nicht ganz so spaßig, aber mit ähnlich hohem Drehwurmfaktor erscheint dem EU-Bürger eine Europawahl. Stand übrigens wieder an dieses Wochenende, hätte man hingehen sollen, hat aber kaum jemand getan. War aber abzusehen. Noch sind die Ergebnisse vorläufig, doch die Wahlbeteiligung in Deutschland scheint mit 43,09% in etwa gleich niedrig geblieben zu sein; bei der letzten Wahl 2009 lag sie bei 43,3% – und damit im europäischen Vergleich eher so im Mittelfeld.*

Nun ist es ja allgemein bekannt, dass Menschen Veränderungen lieben. Ganz besonders dann, wenn sie möglichst klein sind und sich möglichst weit weg von zuhause vollziehen. Und im Idealfall nur für andere gelten. Für kaum etwas stehen die Europäer so sehr ein, wie für die kleinen gut gemeinten Veränderungen, die das Leben der Einwohner Papua-Neuguineas leichter machen. Blöderweise betrifft sie die Europawahl nun aber selbst und für die EU gibt’s am Stammtisch nur ein Prädikat: „regelwütig“. Man sollte meinen, das sollte gerade uns Deutschen eigentlich ganz sympathisch sein, aber aus unerfindlichen Gründen ist dem ganz offensichtlich nicht so. Und jetzt, wo man mal die Möglichkeit zur Einflussnahme hat, geht man nicht hin.

Dabei gab’s dieses Mal einen ganz besonderen Anreiz: Erstmals nämlich sollten statt der Regierungschefs die Wähler bestimmen, wer auf dem Bürostuhl des Kommissionspräsidenten Platz nehmen darf. Zur Auswahl standen Jean-Claude Juncker für die eher konservative Seite und Martin Schulz für die Sozialdemokraten. Es „gewann“ Juncker (ob das allerdings an seiner Person lag, sei mal dahingestellt), der jetzt aber wohl nicht die nötige Mehrheit zusammenbekommt, die ihn nun auch tatsächlich ins Präsidentenamt hieven kann.

Das Ende vom Lied: Jetzt steht er da, der Herr Juncker, als Gewinner, der seinen Gewinn aber vielleicht gar nicht abholen darf. Und die vielen Wähler, die vorsorglich mal lieber gleich zuhause geblieben sind, bekommen Recht: Ein paar wenige Europäer haben gewählt. Und werden womöglich nicht gehört. Bürostuhldrehen auf ganz hohem Niveau.

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* Wer sich bei Aufruf der 2009er-Tabelle jetzt über die offensichtliche Wahlbegeisterung der Belgier und Luxemburger wundert – die fällt natürlich aus dem Rahmen, liegt aber schlicht und ergreifend in der dortigen Wahlpflicht begründet.

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