Klassenkamp

 

Wiesloch erhebt sich. Aber so recht überzeugt bin ich noch nicht, irgendetwas sagt mir, dass wir den Verfasser dieser Botschaft den Klassenkamp vielleicht lieber nicht orgasie…origami…naja machen lassen sollten eben (da hat er sich aber auch ’ne schwierige Wortkombination ausgesucht)…

Klassenkampf

 

Die BILD zur Wahl mit dem Bild zur Wahl

Ja, Gott sei Dank, heute Morgen endlich mal wieder eine BILD-Zeitung im Briefkasten! Also, nicht, dass ich eine bestellt hätte, Springer wollte uns einfach mit einer kostenlosen Ausgabe zur Bundestagswahl beglücken. Eine Wahl-BILD, über deren Erhalt mich BILD allerdings nicht hat wählen lassen. Bisschen undemokratisch, finde ich…. (Bei der letzten derartigen Aktion, wir erinnern uns, hatte ich mich wie viele andere noch verweigert.)  Aber jetzt ist sie halt da, da kann man ja auch mal einen kurzen Blick hinein werfen.

Und siehe da, diese Ausgabe hat’s ganz schön in sich! Gleich auf Seite 2 müssen sich die beiden Hauptwidersacher um die Kanzlerschaft, Angela Merkel & Peer Steinbrück, den knallharten Fragen von…*hüstel*…“Prominenten“ stellen. Und da gibt’s Butter bei die Fische, kann ich nur sagen, da werden nach dem doch eher trägen Wahlkampf endlich mal andere Saiten aufgezogen. Beispiel gefällig?

Christian Ulmen etwa möchte von Steinbrück wissen: „Wenn Sie ein Planet wären, welcher wäre es?“ Ja, das ist die Frage, die sich während der letzten Wochen noch keiner zu fragen getraut hatte. Wahlentscheidend, überhaupt kein Zweifel. Aber es kommt noch besser, bei Daniela Katzenberger (26, „TV-Star“) hat Steinbrücks Wahlkampfteam ganz sicher der Angstschweiß auf der Stirn gestanden: „Haben Sie daheim auch manchmal eine Jogginghose an?“ Uff… Aber auch Angela Merkel wird richtig ‚rangenommen, jahaa. Collien Ulmen-Fernandes (31, „Schauspielerin“) möchte allen Ernstes wissen: „Vermissen Sie den Duft von Nicolas Sarkozy?“

Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen: Einen Tag vor der Wahl zum Deutschen Bundestag kriegt BILD die beiden Spitzenkandidaten vors Mikro – und dann sowas. Liebe BILD-Macher, dass ordentlicher Journalismus eher nicht so Euer Ding ist, ist mir schon lange klar, das habt Ihr hinlänglich bewiesen. Aber das kann nicht Euer Ernst sein, oder?!

Glückwunsch, es ist ein Franziskus!

Meinen Glückwunsch, es ist ein Franziskus! Mit -us. Warum die latinisierte Form, ist nicht ganz klar, beim letzten (Johannes) Paul ging’s schließlich auch ohne, aber meinetwegen. Vermutlich ist Franz einfach out, so heißt halt heute keiner mehr.

So, und wen genau haben wir uns da jetzt eingekauft (also, ich mir nicht, aber die Katholiken)? Das bleibt wohl mal noch abzuwarten. Angeblich soll der glückliche(?) Konklave-Sieger Jorge Mario Bergoglio – also eben besagter Franziskus – ja schon beim letzten Konklave ein heißer Favorit gewesen sein. Da ist aber bekanntlich der Herr Ratzinger gewählt worden*. Das empfand damals die Mehrheit der Kommentatoren (von BILD mal abgesehen) erstmal nicht unbedingt als so richtig prickelnd – aber es gibt durchaus Leute, die das für gar nicht mal sooo schlecht hielten. Gerfried Sperl beispielsweise, Kolumnist beim österreichischen „Der Standard“. Der verfasste 2011, noch zu Ratzinger-Zeiten, folgenden Artikel**:

„Ein Diktatoren-Freund als Konkurrent Ratzingers

Papst Benedikt XVI. ist stockkonservativ. Aber es hätte schlimmer kommen können. Laut La Stampa […] erwuchs 2005 dem damals obersten Glaubenshüter der katholischen Kirche ein auch politisch ultrarechter Kardinal aus Argentinien als ernstzunehmender Konkurrent. […]

Vierzig Stimmen hatte nämlich Jorge Mario Bergoglio, heute 75jähriger Erzbischof von Buenos Aires, erreicht. […]

Nachträgtlich betrachtet hat der katholische Teil der Welt damit vielleicht ziemliches Glück gehabt. Der Jesuit Bergoglio unterscheidet sich theologisch kaum von Ratzinger. Politisch jedoch ist er fragwürdig: Er tolerierte die argentinische Militärdiktatur und fand nie auch nur ein Wort der Kritik an der Ermordung tausender Regimegegner. Dass so ein Mann unter den Kardinälen auf 40 Stimmen kam, ist eigentlich ein Alarmzeichen. 115 Kardinäle waren damals wahlberechtigt – 40 keine klaren Verteidiger der Menschenrechte.“

Joa, das Szenario wäre dann jetzt wohl nachgeholt. Obwohl ich dem Herrn Franzikus trotz allem natürlich auch erstmal eine (neue) Chance zugestehen will. Er wirkte ja im ersten Moment ganz schnuckelig, ein richtiger „Papa“ halt.

Pressetechnisch so richtig schnell waren übrigens die Wikipedianer diesmal***. Da darf ja nun prinzipiell so ziemlich jeder mitschreiben, tatsächlich dürfen Artikel mit aktuellem Bezug in aller Regel (zumindest vorübergehend) aber nur von registrierten Nutzern bearbeitet werden, um Klamauk zu verhindern. Da ist so ein Konklave natürlich nicht ganz so geschickt, weil man ja nun nie so genau weiß, wer denn da jetzt gleich als neuer Papst auf den Balkon treten wird und man schlecht alle Artikel, in denen der Papst möglicherweise vorkommen könnte, sperren kann. Entsprechend sah der Eintrag Bergoglios dann auch erstmal so aus:

Unbenannt4

Immerhin, in diesem Screehshot von 20.18 Uhr schon unter neuem Namen, da hatte er sich noch nicht mal gezeigt (das nämlich geschah erst vier Minuten später – und die ersten Artikeländerungen sind nur wenige Sekunden nach Verkündung seines Namens verzeichnet, aber das nur nebenbei).

Und vor lauter Begeisterung über die Papstwahl (die in den ersten Wochen immer spürbar ist, sich aber Gott sei Dank irgendwann wieder legt) gelten zuallererst die Superlativen, die ihn schon jetzt auszeichnen, all die ersten Male (*hüstel*), Dinge, die es so noch nie gegeben hat: erster Jesuit auf dem Papstthron; erster Lateinamerikaner; erster Papst, der die Armen liebt; erster neuzeitlicher Papst mit lebendem Vorgänger.

A propos, was auch immer er zukünftig anstellen mag, das Spannendste dürfte das für kommenden Samstag geplante Treffen mit seinem Vorgänger* werden. Ein (freundschaftliches) Treffen zweier (römisch-katholischer) Päpste, so viel steht mal fest, hat es wirklich noch nicht gegeben!

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* Der „Wir sind Papst“-Ratzinger, wir erinnern uns, der jetzt als „emeritierter Papst“ seine letzten Tage (oder Monate oder Jahre, das wird sich ‚rausstellen) zurückgezogen von der Weltöffentlichkeit verbringt.

** Online verfügbar, und zwar hier (zuletzt abgerufen am 18.03.2013).

*** ‚Pressetechnisch‘ vor allem deshalb, weil die versammelte Presse die Wikipedia inzwischen nutzt, als gäb’s kein Morgen.

Stuhlprobe

Na endlich! Keine 24 Stunden ist die Rücktrittsankündigung her und schon wird heiß diskutiert, wer wohl neuer Papst werden könnte*. Meine Lieblingsdisziplin. Dass wir den alten noch bis Monatsende an der Backe haben, völlig egal, über den wird schon berichtet, als hätte er gestern das Zeitliche gesegnet. Weiter geht’s im Takt, wer ist „papabile„, das muss jetzt dringend ausdiskutiert werden. Und so sieht man sie wieder, die vielen lustigen Bilder von vielen lustigen alten Männern in lustigen bunten Kleidern.

Nun ist das mit diesen Vorhersagen bekanntlich ja eher ein Vabanquespiel; ist immer schlecht, sich auf einen bestimmten Kandidaten festzulegen, je mehr, desto größer die Chance, dass der richtige nachher auch wirklich dabei ist. Deshalb bietet SPIEGEL Online 10 mögliche Kandidaten, der österreichische Kurier gleich derer 11.

Jahaa, und was die können, kann ich natürlich schon lange. Ich lehne mich mal gaaanz weit aus dem Fenster und halte diese 117 Kardinäle für papabile:

Santos Abril y Castelló, Geraldo Majella Agnelo, George Alencherry, Angelo Amato, Carlos Amigo Vallejo, Ennio Antonelli, Audrys Juozas Bačkis, Angelo Bagnasco, Philippe Barbarin, Jorge Mario Bergoglio, Giuseppe Bertello, Tarcisio Bertone, Giuseppe Betori, Josip Bozanić, Seán Brady, João Braz de Aviz, Raymond Leo Burke, Carlo Caffarra, Domenico Calcagno, Antonio Cañizares Llovera, Juan Luis Cipriani Thorne, Francesco Coccopalmerio, Thomas Collins, Angelo Comastri, Paul Josef Cordes, José da Cruz Policarpo, Raymundo Damasceno Assis, Godfried Danneels, Julius Riyadi Darmaatmadja, Velasio De Paolis, Daniel DiNardo, Ivan Dias, Timothy Dolan, Dominik Duka, Stanisław Dziwisz, Willem Jacobus Eijk, Francisco Javier Errázuriz Ossa, Péter Erdő, Raffaele Farina, Fernando Filoni, Francis George, Rubén Salazar Gómez, Oswald Gracias, Zenon Grocholewski, James Michael Harvey, John Tong Hon, Cláudio Hummes, Walter Kasper, Kurt Koch, Giovanni Lajolo, Karl Lehmann, William Joseph Levada, Nicolás de Jesús López Rodríguez, Roger Michael Mahony, Lluís Martínez Sistach, Reinhard Marx, Joachim Meisner, Laurent Monsengwo Pasinya, Francesco Monterisi, Manuel Monteiro de Castro, Antonios Naguib, Wilfrid Fox Napier, Attilio Nicora, John Njue, Kazimierz Nycz, Edwin Frederick O’Brien, Keith Michael Patrick O’Brien, Sean Patrick O’Malley, Anthony Olubunmi Okogie, John Onaiyekan, Jaime Ortega, Marc Ouellet, George Pell, Polycarp Pengo, Jean-Baptiste Phạm Minh Mẫn, Mauro Piacenza, Severino Poletto, Vinko Puljić, Béchara Pierre Raï, Albert Malcolm Ranjith, Gianfranco Ravasi, Giovanni Battista Re, Jean-Pierre Ricard, Justin Francis Rigali, Norberto Rivera Carrera, Francisco Robles Ortega, Franc Rodé, Óscar Rodríguez Maradiaga, Paolo Romeo, Antonio María Rouco Varela, Stanisław Ryłko, Juan Sandoval Íñiguez, Leonardo Sandri, Robert Sarah, Paolo Sardi, Théodore-Adrien Sarr, Odilo Pedro Scherer, Christoph Schönborn, Angelo Scola, Crescenzio Sepe, Luis Antonio Tagle, Jean-Louis Tauran, Julio Terrazas Sandoval, Dionigi Tettamanzi, Isaac Cleemis Thottunkal, Telesphore Placidus Toppo, Jean-Claude Turcotte, Peter Turkson, Jorge Liberato Urosa Savino, Agostino Vallini, Antonio Maria Vegliò, Giuseppe Versaldi, André Vingt-Trois, Raúl Eduardo Vela Chiriboga, Rainer Maria Woelki, Donald Wuerl und Gabriel Zubeir Wako.

Okay, ich geb’s zu, ich hab bei der Vorhersage ein bisschen gemogelt. Na, wer hat’s gemerkt? Richtig! Das sind sie alle, alle scheintoten wahlberechtigten Kardinäle auf einen Blick. Ist doch nur fair, finde ich, dann fühlt sich auch keiner auf den Schlips getreten, und prognostisch kann gar nix mehr schiefgehen.

Und auf jeden Fall, so viel steht mal fest, liege ich damit definitiv richtiger als SPIEGEL Online. Die haben nämlich unter ihren zehn Kandidaten mit dem Nigerianer Francis Arinze direkt mal einen auf Platz eins ihrer Liste gesetzt, der mit seinen gemütlichen 80 Lenzen gar nicht am Konklave teilnehmen wird. Darf er in dem Alter nämlich nicht mehr. Das heißt zwar – zugegeben – nicht zwangsläufig, dass er nicht trotzdem Papst werden könnte, denn theoretisch ist jeder männliche Katholik wählbar; praktisch wird der Papst aber schon seit Jahrhunderten nur aus den Reihen der wahlberechtigten Kardinäle bestimmt, Arinzes Wegbleiben dürfte seine Wahlchancen also drastisch schmälern. Obwohl es andererseits mal eine echte Überraschung wäre.**

Ja, und wer’s am Ende wird, wird sich zeigen, wer weiß das schon so genau. Und bekanntermaßen gilt ja: Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder raus.*** Schaun mer mal, hat ein berühmter deutscher Philosoph mal gesagt.****

Vielleicht wäre es hilfreich, wenn einfach jeder Kardinal zu Konklavebeginn erstmal eine Stuhlprobe abgibt. Also, ein Testsitzen auf dem heiligen Stuhl absolviert, meine ich natürlich. Dann können die anderen einfach mal schauen, wie der Kandidat sich so macht auf dem goldenen Thron. Wirkt er auch schön würdevoll? Kommt er mit den Füßen noch auf den Boden? Bleibt er womöglich zwischen den Armlehnen stecken? Passt die Haarfarbe zum Samtbezug? Und so weiter und so weiter. Da wär‘ doch schon viel mit gewonnen. Mut zur Veränderung kann ich nur sagen!

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Nachtrag, 25.02.: Da waren’s nur noch 116. Seinen sofortigen Rücktritt (und damit verbunden auch die Nicht-Teilnahme am Konklave) gab heute der Schotte Keith Michael Patrick O’Brien bekannt; Vorwürfe „unangemessenen Verhaltens“ dreien Priestern gegenüber stehen im Raum, denen er „nach dem Nachtgebet Avancen gemacht“ haben soll – was auch immer das dann am Ende genau heißen mag…

Währenddessen hat der (scheidende) Papst ebenfalls heute die Regeln fürs Konklave geändert, das nun, sofern von den Kardinälen gewünscht, früher als ursprünglich vorgesehen stattfinden könnte.

Nachtrag, 06.03.: Und noch einer weniger: Julius Riyadi Darmaatmadja, emeritierter Erzbischof von Jakarta und immerhin schon 78, hat seine Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Bleiben noch 115.

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* Also, Papst der römisch-katholischen Kirche, versteht sich. Wie jedes Säugetier, das was auf sich hält, hat auch die Gattung ‚Papst‘ ja durchaus so ihre Unterordnungen.

** Naja, eine kleine zumindest. Eine richtige Überraschung wäre etwa eine protestantische schwarze Chinesin südamerkanischer Abstammung, aber damit dürfte eher nicht zu rechnen sein.

*** Fünf Mark ins Phrasenschwein, ich weiß, ich kann den Spruch selbst nicht mehr hören.

**** Den übrigens auch nicht. *klimper*

Bis dass der Tod Euch scheidet?

Naja, so richtig an diesen Ausspruch gehalten hat er sich dann jetzt ironischerweise ja nun nicht, der Herr Ratzinger, in der Pflicht scheint er sich selbst dahingehend offensichtlich irgendwie nicht zu sehen. Wir erinnern uns an Vorgänger, die diese Papst-Sache durchgezogen haben – und zwar bis zum bitteren Ende. Aber sei’s drum, ist natürlich die Nachricht des Tages (und ich bin überzeugt, viele werden das, obwohl erst Februar, schon als Nachricht des Jahres, wenn nicht sogar des Jahrzehnts sehen). Klar, passiert natürlich auch selten, so ein Papst-Rücktritt, um nicht zu sagen eigentlich gar nicht.*

Ein Freund schrieb, er habe auf einer Newsseite zur Meldung eine Durex-Werbung eingeblendet bekommen. Auch nicht schlecht, gefällt mir gut. (Kleiner Tipp vielleicht in diesem Zusammenhang für angehende Existenzgründer: Ich hab’s jetzt nicht überprüft, aber die Domain kontrazepti.va ist sicher noch zu haben!) Die TITANIC dagegen – traditionell ja sehr „papstaffin“, wenn man so sagen möchte – spekuliert schon über einen neuen Plagiatsfall. Könnte man natürlich mal überprüfen, vielleicht gründet demnächst einer HeuschreckenPlag oder so.**

Gut, über die eigentlichen Rücktrittsgründe kann man natürlich nur spekulieren. Möglicherweise spürt er eine aufkommende Senilität und will Schlimmeres verhindern – oder er ist schon senil und hat sich vertan, ist natürlich auch denkbar. Vielleicht hat er beim Blick in den Terminkalender „heute Abend: danken & beten“ mit „heute: abdanken & beten“ verwechselt. Kann ja mal vorkommen mit 85.

Aber wie dem auch sei, warum nicht mal ein bisschen Ruhe(stand) für den Papst? Wenn man beruflich ohnehin nicht weiter aufsteigen kann…***

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* Und um das doch schon mal mitbekommen zu haben, müsste man so um die 700 Jahre alt sein. Das schaffen natürlich nur die Wenigsten.

** Der braucht einen Moment, ich weiß.

*** Klar, Otto Waalkes hat das in einem alten Scherz mal anders gesehen: „Der Papst soll angeblich Selbstmord begangen haben. Warum nicht? Wenn man sich beruflich verbessern kann.“ Kennen wir.