Die Finalpfeife – ein Tipp

Es ist ja viel geschrieben worden über die Schiedsrichterleistungen während der Weltmeisterschaft. Vieles ist moniert worden, mal berechtigt, mal auch nicht. Ich hab‘ selbst einige Jahre gepfiffen und auch so manches Spiel als Schiedsrichterassistent absolviert (und ja, die Sache mit dem Abseits ist wirklich schwierig), verfolge die Spielleitungen schon deshalb besonders interessiert und versuche oft genug, so ein bisschen eine Lanze für die ehemaligen Kollegen zu brechen.

Nun ist die Leitung eines Weltmeisterschaftsfinales natürlich die Krönung einer jeden Schiedsrichterlaufbahn. Ich persönlich werde sicher nicht mehr angesetzt werden, aber irgendwer wird sich diesen Traum erfüllen dürfen. Allzu lange hin ist es nicht mehr, heute Abend steht das zweite Halbfinale dieser WM an. Zeit, mal darüber nachzudenken, wen die FIFA am Sonntag ins Endspiel schicken könnte.

Von ursprünglich 25 Schiedsrichtergespannen hat die FIFA-Schiedsrichterkommission 10 schon wieder in die Heimat geschickt, darunter mit Felix Brych auch den Vertreter des DFB. Übrig geblieben sind die folgenden Kandidaten:

  • Ravshan Irmatov (Usbekistan; bisher 4 Spiele)
  • Yuishi Nishimura (Japan; bisher 1 Spiel)
  • Noumandiez Doué (Elfenbeinküste; bisher 2 Spiele)
  • Djamel Haimoudi (Algerien; bisher 3 Spiele)
  • Mark Geiger (Vereinigte Staaten; bisher 3 Spiele)
  • Marco Rodríguez (Mexiko; bisher 3 Spiele)
  • Enrique Osses (Chile; bisher 2 Spiele)
  • Sandro Ricci (Brasilien; bisher 3 Spiele)
  • Carlos Vera (Ecuador; bisher 2 Spiele)
  • Cüneyt Cakir (Türkei; bisher 3 Spiele)
  • Jonas Eriksson (Schweden; bisher 3 Spiele)
  • Pedro Proença (Portugal; bisher 3 Spiele)
  • Nicola Rizzoli (Italien; bisher 3 Spiele)
  • Carlos Velasco Carballo (Spanien; bisher 3 Spiele)
  • Howard Webb (England; bisher 2 Spiele)

Dass ich hier einige der Herren rot markiert habe, hat einen einfachen Grund, tatsächlich scheiden nämlich ein paar der Verbliebenen als Endspiel-Kandidaten mit ziemlicher Sicherheit aus. So kommen etwa der Mexikaner Marco Rodríguez und der Türke Cüneyt Cakir nicht mehr in Frage, die nämlich waren mit der Leitung der beiden Halbfinalspiele betraut, einen Schiedsrichter in zwei aufeinanderfolgenden Runden einzusetzen, wäre zumindest unüblich. Auch der Engländer Howard Webb dürfte kommenden Sonntag nicht auf dem Rasen stehen. Der hat in seinen beiden bisherigen Spielen zwar eine solide Leistung gezeigt, ist international erfahren wie kaum einer seiner Kollegen und als amtierender Weltschiedsrichter sicher über jeden Zweifel erhaben, pfiff aber bereits das Finale der WM 2010 in Südafrika. Dass die Schiedsrichterkommission ihn mit einem weiteren Finalspiel betraut, ist unwahrscheinlich.

Etwas überraschend ist der Verbleib des Brasilianers Sandro Ricci. Üblicherweise dürfen Schiedsrichter aus Nationen, die das Halbfinale des Turniers erreichen, nicht mehr eingesetzt werden. Ricci erhielt von der FIFA nun eine Wildcard und darf theoretisch auf einen Finaleinsatz hoffen – zu dem es aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht kommen wird, selbst wo jetzt klar ist, dass Brasilien nicht im Finale steht. Man darf diese Wildcard wohl als eine Art „Gastgeberbonus“ interpretieren.*

Kaum nachzuvollziehen ist die Entscheidung, Yuishi Nishimura im Turnier zu belassen. Der Japaner leitete das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien (3:1), bekam nicht zuletzt wegen eines unberechtigt gegebenen Elfmeters haarsträubende Kritiken – und wurde infolge dessen auch für kein weiteres Spiel mehr nominiert. Mit Verlaub, was der noch im Aufgebot zu suchen hat, das weiß wohl nur die FIFA.

Ebenfalls wenig Hoffnung darf sich vermutlich Carlos Velasco Carballo machen. Der Spanier hatte zwei Vorrundenspiele ordentlich über die Bühne gebracht, im Viertelfinalspiel zwischen Brasilien und Kolumbien dagegen nicht glänzen können. Wir erinnern uns: Das war das Spiel, in dem sich der brasilianische Superstar Neymar einen Wirbel brach. Schon um Fanaufstände zu verhindern, dürfte Velasco Carballo also eher nicht mehr zum Einsatz kommen. Für ihn sicher besonders schade, Schiedsrichter aus den großen Fußballnationen bekommen nicht oft die Chance auf ein Finale, es wäre nach dem frühen Ausscheiden Spaniens jetzt die Möglichkeit gewesen.

Es wird folglich auf einen Kandidaten hinauslaufen, der sowohl Erfahrung in großen Clubwettbewerben hat (möglichst der Champions-League oder der Copa Libertadores, weil auf höherem Niveau als andere Kontinentalwettbewerbe), schon lange auf der FIFA-Liste steht, im Idealfall schon bei einem großen Turnier wie der Europameisterschaft gepfiffen und während der aktuellen WM gute Leistungen erbracht hat. Und da bleiben nicht so wahnsinnig viele übrig.

Aber: Es kommt natürlich auch ein bisschen darauf an, wer heute Abend ins Finale gegen Deutschland einzieht. Sollte die Finalpaarung Deutschland – Holland lauten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-Europäer die Pfeife schwingt.

Das Spiel um den dritten Platz wird wohl ein Schiedsrichter übernehmen, der vielleicht international noch nicht die ganz große Erfahrung erworben, sich dafür im Turnierverlauf aber besonders positiv hervorgehoben hat. Das trifft für diese WM vor allem auf den US-Amerikaner Mark Geiger zu, der alle seine Spiele tatsächlich überraschend gut im Griff hatte.

Also, wagen wir mal einen Tipp:

Für eine Finalpartie Deutschland – Argentinien

          Pedro Proença (Portugal), Nicola Rizzoli (Italien) oder Jonas Eriksson (Schweden)

Für eine Finalpartie Deutschland – Holland

          Carlos Vera (Ecuador) oder Enrique Osses (Chile)

Und für das Spiel um Platz 3:

          Mark Geiger (Vereinigte Staaten)

Mal gucken, wie nah ich dran bin, man darf gespannt sein…

_______________

* Kleine Info am Rande für den unwahrscheinlichen Fall, dass er das Finale doch pfeifen darf: Ricci ist für die Deutsche Nationalmannschaft kein ganz Unbekannter, es wäre bereits das dritte Zusammentreffen während des Turniers. Ricci leitete mit dem Vorrundenspiel gegen Ghana (2:2) und dem Achtelfinalspiel gegen Algerien (2:1 n. V.) ausgerechnet unsere beiden wohl umkämpftesten Partien. Und das an für sich auch ganz ordentlich.

_______________

Nachtrag 10.07.: SPIEGELonline gibt heute auch einen Tipp ab, der meinem hier völlig widerspricht. Mal sehen, wer recht hat…

_______________

Nachtrag 11.07.: Die FIFA hat die Schiedsrichter-Entscheidungen getroffen, Djamal Haimoudi wird das Spiel um Platz 3 pfeifen. Das kann man gut finden, muss man aber nicht. Es riecht so ein bisschen nach einer politischen Entscheidung, um des afrikanischen Verbandes Willen. Ich jedenfalls hatte Haimoudi, zugegeben, nicht auf dem Schirm. Schade eigentlich, denn es hätte mit Mark Geiger jemanden gegeben, der es eher verdient gehabt hätte.

Mein Finaltipp dagegen stimmt: Es pfeift Nicola Rizzoli. Das war zu erwarten. Und ja, SPIEGELonline, ich hatte recht.

Advertisements

Es grünt so grün…

…wenn Spaniens Blüten blühn – und natürlich, wenn die Deutsche Fußballnationalmannschaft ab kommendem Wochenende ins Europameisterschaftsgeschehen eingreift. Zum ersten Mal nach zwölf Jahren Pause nämlich tragen die Jungs wieder herrlich grasgrüne Trikots. (Ja, genau die, die früher schon immer so schön in den Augen gebrannt haben.) Also, manchmal jedenfalls tragen sie sie. Offiziell nennt sich das Teil „Auswärtstrikot“. Das ist insofern ein bisschen irreführend, weil das Turnier abgesehen von den beiden Gastgebern Polen/Ukraine für alle Teilnehmer ja nun logischerweise vollständig auswärts stattfindet. Auswärts– heißt in diesem Fall eher so viel wie Ausweich-. Ist im Vorfeld intensivst beworben und vermarktet worden und wird im ersten Spiel am Samstag gegen Portugal dann auch ziemlich sicher gleich mal nicht zum Einsatz kommen. Schuld daran sind die Portugiesen, die ihrerseits nämlich traditionell selbst, wenn auch keine grellgrünen Trikots, dann aber doch immerhin welche mit relativ hohem Grünanteil tragen.

Aber warum denn überhaupt grün? Was hat denn Deutschland mit der Farbe Grün am Hut? Es hält sich hartnäckig die Legende, das erste Nachkriegsspiel habe seinerzeit gegen Irland stattgefunden und in Anlehnung daran habe man sich für das ja tatsächlich irgendwie sehr irisch wirkende Grün entschieden. Das klingt so kitschig-süß, dass man es am liebsten glauben möchte, ist aber Quatsch; das erste Nachkriegspiel nämlich fand 1950 in Stuttgart gegen die Schweiz statt – und ich für meinen Teil hab noch keinen Schweizer im grünen Jersey ‚rumlaufen sehen.

Nein, die korrekte Erklärung ist eine ganz andere: Zur WM 1954, bei der die grünen Trikots erstmals zum Einsatz kamen, brauchte man zu allererst einmal eine „echte“ Alternative zum Weiß, soll heißen: etwas Dunkles für den Fall, dass die gegnerische Mannschaft ebenfalls Weiß trägt. Aber warum dunkel und nicht etwa gelb? Oder blasslila? Weiß gegen gelb wäre doch kein Problem, oder? Jahaa, heute vielleicht nicht. Damals aber sehr wohl – weil die Mannschaften sonst in Ermangelung des Farbfernsehens, das wir heute selbstverständlich haben, nämlich am Bildschirm nicht zu unterscheiden gewesen wären. Und dann brauchte man zweitens natürlich eine Farbe, die irgendetwas mit dem deutschen Fußball zu tun hatte. Und man entschied sich einfach deshalb für grün, weil das seit 1945 die einheitliche Farbe des DFB und seines Logos ist. Vielleicht ein bisschen weniger romantisch als die Irland-Geschichte, aber so war das.*

Eine kleine Besonderheit übrigens haben die neuen Leibchen noch: In Anspielung auf den ersten EM-Titel von 1972 steht im Nackenbereich ein kleines Sprüchlein geschrieben: „1972 – Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, 2012 – Ein neues Kapitel wartet darauf, geschrieben zu werden“. Womit wir dann doch wieder beim Kitsch wären. Naja, man darf gespannt sein…

*Ein Dankeschön an dieser Stelle an Carola Dobs von der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M. für die prompte Recherchehilfe in Sachen grünes Trikot!

Nacht der Trommel

Es ist 20.06 Uhr, als das Licht im ausverkauften großen Staufersaal des Wieslocher Palatins mit einem tiefen Gongschlag erlischt am vergangenen Freitag und die ersten Trommelschläge zu hören sind. „Die Nacht der Trommel“ beginnt. Sie ist dasSwingin‘ WiWa“-Event, schon lange ausführlich beworben, der Auftakt zur letzten Woche der erfolgreichen Veranstaltungsreihe, „ein visuelles und akustisches Theater-Erlebnis der Extraklasse“, so das Versprechen der Veranstalter.

Acht Musiker stehen da nun auf der Bühne hinter ihren im Halbkreis aufgebauten Schlagwerken: Carlos Serrano del Rio, Danjel Kozar, David Anlauff, Ellen Mayer, Johannes Willinger, Jochen Rautenstrauch, Nelly Nelliste und Patrick Metzger sind allesamt erfahrene Schlagwerker, die viel Herzblut mitbringen und schon im letzten Jahr in dieser Formation die Nacht bestritten haben. Und sie tun, was sie versprochen haben: sie trommeln. Das klingt erstmal profan, aber man darf sich das nicht so vorstellen, als säßen da ein paar Leute im Proberaum und klöppelten gemeinsam ein bisschen vor sich hin. Ein Schlagzeug wirklich zu beherrschen ist hohe Kunst, sie kann einen Sound entstehen lassen, der sprachlos macht. Überhaupt, der Auftritt ist eine Hommage an den Rhythmus; wer schon mal erlebt hat, wie sich das Duo Chester Thompson/Phil Collins, um mal zwei der vermutlich bekanntesten Drummer zu nennen, gegenseitig an seinen Instrumenten hochschaukelt, kann sich vielleicht eine Vorstellung davon machen, wie so etwas in achtfacher Ausführung klingt und, mit entsprechender Lichtshow in Szene gesetzt, wirkt. Übrigens lässt sich Rhythmus mit allem möglichen erzeugen, man ist überrascht, wie vielen alltäglichen Gegenständen man Töne entlocken kann. Hier und da kommen dann auch mal andere Instrumente zum Einsatz, meistens solche, die man sonst eher nicht zu hören bekommt. Mal ehrlich, wer wüsste schon auswendig zu sagen, wie ein brasilianisches Berimbao klingt? Die Antwort: ausgesprochen gut.

Es ist eine solide, mitreißende Vorstellung, die da geboten wird, die Musiker, eigentlich allesamt in anderen Bands aktiv, haben spürbar Spaß an diesem Projekt. Fast ein ganzes Jahr lang lief die Vorbereitung, beinahe dreißig Proben haben sie in dieser Zeit absolviert. Was herausgekommen ist, ist musikalisch einwandfrei. Einerseits.

Was dem Abend andererseits so ein bisschen fehlt, ist die durchgängige Inszenierung, der rote Faden. Zwischen den einzelnen Showelementen vermisst man etwas die Übergänge, alles wirkt sehr gestückelt. Wo die Bindung versucht wird, entstehen oft eher ungewollt komische Slapstickeinlagen, die die Akteure während der Proben als spaßig empfunden haben mögen, für die Zuschauer aber schlecht nachvollziehbar bleiben.

Insgesamt aber steht selbstverständlich die Musik bei der Bewertung im Vordergrund. Die ist absolut professionell und gut und wird am Ende völlig zurecht mit Standing Ovations für die sichtlich zufriedenen Musiker belohnt, die sich noch mit einer kleinen Zugabe bedanken, bevor es draußen im Foyer ein gemeinsames Gläschen Premierensekt gibt. Den Besuchern hat dieser Abend fraglos gefallen.

Und auch die Organisatoren des Kulturfördervereins Kurpfalz zeigen sich begeistert ob der guten Publikumsresonanz, immerhin haben über 600 Zuschauer den Auftritt verfolgt, und sie lassen sogar durchblicken – das ist jetzt tatsächlich eine Neuigkeit, die es unbedingt zu melden gilt –, diese „klasse Veranstaltung“ in naher Zukunft auch auf Deutschlandtournee schicken zu wollen. Ja, es war eine klasse Veranstaltung, ein toller Abend, ganz sicher werden die Musiker auch anderswo begeistern, gar keine Zweifel. Allerdings, und diese Anregung muss dann doch erlaubt sein, sollte man sich fragen, ob eine ausgiebigere, genauere Inszenierung der Show unter erfahrener Regie nicht geboten wäre, würde man sich doch mit steigendem Bekanntheitsgrad zwangsläufig auch mit ähnlichen Drum-Acts verglichen sehen – und dazu ist die Show als Ganzes trotz positiven Fazits ehrlich gesagt einfach noch nicht reif genug, wenngleich das Potenzial ohne Frage vorhanden ist.

In unveränderter Fassung erschienen am 21. April 2011 unter dem Titel „Eine Hommage an den Rhythmus“ in der Rhein-Neckar-Zeitung (Regionalausgabe Wiesloch/Walldorf, S. 5).

Augschöll & Hotline

Der Minnesängersaal des Wieslocher Palatins mal anders: farbig illuminiert, eingerichtet mit Sesseln und Stehtischen, gediegen, Loungecharakter. Ganz bewusst atmosphärisch richtete der Kulturförderverein Kurpfalz e.V. vergangenen Freitag den Saal ein, um die richtige Stimmung zu schaffen für das nächste große Event im Rahmen des 7. städteübergreifenden Musikfestivals „Swingin‘ WiWa“: Den Auftritt der Jazz-Rock-Formation um Charly Augschöll und seiner „Hotline Band“.

In der Jazzszene ist Frontmann Charly Augschöll, Sänger, Saxophonist und Komponist der Band, kein Unbekannter, stand schon mit Größen wie Gloria Gaynor und Schlagzeug-Legende Charly Antolini auf der Bühne. Vor gut 25 Jahren gründete er seine „Hotline Band“, tourt, produziert und emanzipierte sich dabei im Laufe der Zeit mehr und mehr von den Stilvorgaben früherer Jahre.

Und so recht in ein Schema pressen lässt sich die Musik denn auch nicht. Natürlich, die Wurzeln liegen unverkennbar im Jazz und Fusion, aber auch ganz andere Einflüsse spielen hinein, Rhythm & Blues ganz sicher, Funk, ein bisschen Soul, auch schnellere Latin-Elemente. Alles in allem ergibt das eine wirklich gut anzuhörende Mischung aus langsamen Balladen und schnellen, groovigen Stücken, die eigentlich nur gefallen kann.

Augschöll – ein bisschen klischeehaft mit langen, dunklen Haaren, Vollbart und schwerer silberner Halskette im weit aufgeknöpften weißen Hemd – lässt sich in seinem Saxophonspiel immer wieder vom fordernden Background seiner Band zu neuen Höhen antreiben – und der 56jährige, man muss das sagen, ist ohne Übertreibung ein begnadeter Saxophonist. An ihren Instrumenten übrigens stehen ihm seine Bandkollegen da in nichts nach, alle sind Profimusiker, man hört es. Die Abstimmung ist makellos, der Sound hervorragend; überhaupt konzentriert sich die ganze Energie des Quartetts auf das Zusammenspiel der Instrumente, vom 20 Songs umfassenden Set kommt etwas mehr als die Hälfte völlig ohne Gesang aus. Stellenweise bekommt man ein bisschen der Eindruck, die Band habe sich zu einer ausgiebigen Jam-Session getroffen, man hat Spaß am Spielen, jeder erhält auch mal Zeit für ein profilierendes Solo, jeder die Chance zu zeigen, wie gut er sein Instrument beherrscht.

Wie so viele Konzerte der letzten Jahre steht auch dieses wieder beispielhaft für die große Bandbreite an unterschiedlichen Genres und Künstlern, die „Swingin‘ WiWa“ im Angebot führt. Im Programm für die kommenden drei Wochenenden sind noch Soul, Chanson und Rock angekündigt, die große „Nacht der Trommel“ steht noch an, doch alles ist das längst nicht. „Das ist auch unsere Intention“, sagt Edgar Berlinghof, einer der Organisatoren, „verschiedene Generationen und verschiedene Musikrichtungen unter einen Hut zu bekommen.“ Betrachtet man das Publikum dieses Abends, so hat das zweifelsohne funktioniert, unter den Gästen sind völlig unterschiedliche Altersgruppen vertreten. Allerdings – und das ist der einzige Wermutstropfen – ist das schon mit einem einzigen kurzen Blick festzustellen, denn viel mehr als 40 Zuschauer befinden sich gar nicht im Saal. Dem Klangerlebnis tut das keinen Abbruch, erwartungsgemäß ist die Reaktion der Musiker professionell: „Macht nichts, wir singen genauso, als wären hier 500 Leute!“. Und das tun sie. Aber natürlich stört es die Bandmitglieder trotzdem ein wenig, man sieht es ihnen hin und wieder an. Und es ist tatsächlich schade, denn die Musik ist gut ohne Wenn und Aber und hätte definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

In unveränderter Fassung erschienen am 8. April 2011 unter dem Titel „Augschöll passt in keine Schublade“ in der Rhein-Neckar-Zeitung (Regionalausgabe Wiesloch/Walldorf, S. 5).

Jacob beschließt zu lieben

Wer Catalin Dorian Florescu nicht kennt und raten müsste, was er beruflich macht, käme wohl kaum auf die richtige Antwort. Wenn es ihn denn gibt, den prototypischen Schriftsteller, Florescu ist es sicher nicht. In Jeans, eine Baseballkappe auf dem Kopf, leert er ein paar Bücher und Notizzettel aus einer Plastiktüte vor sich auf den Tisch.

Zur Vorstellung seines jetzt im C.H. Beck-Verlag erschienen neuen Romans „Jacob beschließt zu lieben“, seines insgesamt fünften, hatte der Willi-Brandt-Freundeskreis Wiesloch am vergangenen Sonntag geladen. Es ist nicht viel los an diesem Vormittag, nur ein paar wenige Interessierte haben sich im Bürgersaal des Alten Rathauses eingefunden. Der Autor scheint noch nicht so recht angekommen zu sein beim breiten Publikum, was ein bisschen verwundert, denn es lohnt sich durchaus, seinen Werken etwas Aufmerksamkeit zu widmen. In Literatenkreisen kennt man ihn schon lange umso besser, am kommenden Wochenende wird er auf der Leipzger Buchmesse lesen, erst kürzlich überschlug sich die „Neue Züricher Zeitung“ schier vor Begeisterung über sein neuestes Werk.

Florescu wird 1967 im rumänischen Temeschwar geboren und flieht 1982 gemeinsam mit seinen Eltern in den Westen. Er studiert Psychologie in Zürich, wo er noch heute lebt und als Psychotherapeut arbeitet, bevor er sich 2001 schließlich ganz der Literatur widmet. Für seine Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise, war unter anderem Stadtschreiber in Dresden (2008) und Erfurt (2010) und 2003 Träger des Anna-Seghers-Preises für deutschsprachige Literatur. Seit 2010 ist er Stadtschreiber Baden-Badens und Heinrich-Heine-Stipendiat der Stadt Lüneburg.

„Jacob beschließt zu lieben“ beschreibt die Lebensgeschichte Jacob Overtins aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat. Jacobs Geschichte – zeitlich zwischen dem Ende der 20er- und Anfang der 50er-Jahre angesiedelt – weitet sich zu einem Familienepos, in dem temporeich und in dichten, fantastischen Bildern das Schicksal der Obertins über 300 Jahre hinweg erzählt wird, beginnend mit dem 30-jährigen Krieg in Lothringen. Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich Jacobs Vorfahren, wie viele Tausende Anderer aus Lothringen ein besseres Leben suchend, auf den gefährlichen Weg ins Banat gemacht, um ihr Glück zu finden und eigenes Land zu besitzen.

Die Geschichte ist einfühlsam, sie zieht den Leser wahrhaftig in ihren Bann. Florescu weiß das; bevor er zu lesen beginnt, erzählt er eindringlich und ausführlich von der Arbeit an seinen Romanen, von der langen Suche nach dem passenden Stoff, den passenden Figuren, von der Bedeutung des berühmten ersten Satzes.

Florescu spricht dabei wie andere Leute schreiben. Seine Antworten auf Nachfragen kommen spontan, klingen aber stets wohlüberlegt, als habe er sich schon lange zu genau diesen Fragen Gedanken gemacht. Es macht Spaß zuzuhören, wenn er über seine Romanfiguren spricht, man spürt, wie nahe er ihnen steht und wie schwer es ihm fällt, sie irgendwann loslassen zu müssen. Es falle ihm noch schwer, aus „Jacob“ zu lesen, sagt er denn auch, er sei noch dabei, den Trennungsschmerz zu Zaira, der Protagonistin seines vorangegangenen Romans, zu verarbeiten.

Bei dieser Lesung ist es nicht nur die Geschichte, die die Zuhörer bannt, es ist auch Florescu selbst. Die ursprünglich veranschlagten eineinhalb Stunden sind längst weit überzogen, als Florescu endet. Eigentlich wollte der Willi-Brandt-Freundeskreis jetzt noch eine Projektidee vorstellen, ein Kulturforum will man einrichten, eine Plattform bieten für Diskussionen und Veranstaltungen über Kultur und Politik in Wiesloch und Umgebung. Doch die Zeit reicht nicht mehr, und wahrscheinlich hätte es auch nicht mehr gepasst. Dazu war der Autor, den man da eingeladen hatte, schlicht und ergreifend zu präsent.

In unveränderter Fassung erschienen am 17. März 2011 unter dem Titel „Dem Dichter fällt es schwer, seine Romanfiguren loszulassen“ in der Rhein-Neckar-Zeitung (Regionalausgabe Wiesloch/Walldorf, S. 5).